Bankentransformation

Zurückblicken, um in die Zukunft zu kommen

Ein Artikel von Alexander Pavlov  |  E alexander.pavlov@procedera.de  |  T +49 30 860 08 22-0

Die Bankengeschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Es lohnt sich nachzuverfolgen, wie das Bankenwesen entstand, sich verbreitete, sich wandelte und — ganz besonders — wie sich die einzelnen Bankengruppen entwickelten. Diese sind alle aus einem bestimmten Grund entstanden. Sich auf diesen ursprünglichen Existenzgrund zu besinnen, könnte einigen Instituten helfen, eine geeignete Strategie zu entwickeln. Denn jedes Unternehmen muss einen Zweck erfüllen, damit es langfristig bestehen kann. 

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WAS BANKEN AUS IHRER GESCHICHTE LERNEN KÖNNEN

Die Geschichte des Bankwesens beginnt in Italien. Nachdem sich Venedig im 11 Jh. von der muslimischen Besatzung befreit hatte, wurde es zum Dreh- und Angelpunkt der europäischen Handelsbeziehungen mit dem Nahen Osten. Zu dieser Zeit mussten Kaufleute Silbermünzen, die als Tauschmittel benutzt wurden, mit auf ihre teils langen Reisen nehmen. Dies führte hauptsächlich zu zwei Problemen:  

1. Der Transport war umständlich und die Münzen vor Dieben nur schwer zu schützen.

2. Es kamen vermehrt gefälschte Silbermünzen in den Umlauf, die einen Vertrauensverlust bei Käufern und Verkäufern zur Folge hatten.

Als Antwort auf diese Schwierigkeiten gründeten damalige Unternehmer die erste Bank. Diese wurde bei den Kaufleuten schnell so beliebt, dass sie bald weitere Lösungen für ihre Kunden anbot: So wurden zum Beispiel für die Vorfinanzierung größerer Vorhaben Kredite vergeben. Diese Finanzierungsform war so gefragt, dass sie sich durchsetzte, obwohl die Kirche sie anfangs verbot. Der Grundstein für das Bankwesen war gelegt. Auf diesen setzten die Medici auf, als sie die ersten Bankfilialen gründeten, das Auslandsgeschäft etablierten und so das Banking noch bequemer und effizienter für die Endkunden gestalteten. Nach diesen Entwicklungen wurde die erste Girobank 1407 in Genua eröffnet. 

Das Italienische Bankwesen kommt nach Deutschland

Die deutschen Unternehmer blickten mit Interesse auf die Entwicklungen in Italien, wo der vereinfachte Handel zu höherem Wohlstand für die ganze Gesellschaft führte. Der erste namhafte deutsche Unternehmer im Bankwesen war Jakob Fugger, der das notwendige Wissen in Venedig erlernt hatte. Sein Familienunternehmen entwickelte sich rasant zu einem der bedeutendsten in Europa. Fuggers Geschäftsmodell basierte auf Krediten, die oft auch an Vertreter des Adels vergeben wurden, um zum Beispiel einen Krieg zu finanzieren. Solche Geschäfte waren zwar lukrativ, jedoch auch riskant, für den Fall, dass der Krieg verloren wurde. So stand sein Unternehmen in den 1550ern kurz vor dem Bankrott. Zu dieser Zeit wurde der Bedarf an Mechanismen zum Umgang mit Risiken deutlich. 

1619 - Die Gründung der Hamburger Bank

Die Hamburger Bank war die einzige sehr erfolgreiche kommunale Bank im Heiligen Römischen Reich. In der Literatur gilt sie häufig sogar als Vorbild für die Gründung weiterer öffentlicher Banken. Sie löste nicht nur die Probleme der Händler, sondern erfüllte zusätzlich einen öffentlichen Auftrag, durch den sich Hamburg zu den damals bedeutendsten Handelsplätzen entwickelte. Die Gründung der Hamburger Bank zeigte vor allem eines: dass öffentliche Banken nachhaltig und effizient funktionieren können. Die meisten der damaligen Versuche, eine öffentliche Bank zu gründen, scheiterten katastrophal. Das Modell der Hamburger Bank konnte sich gegenüber der Konkurrenz aufgrund von zwei entscheidenden Punkten durchsetzen:

  •  Ehrlichkeit und Transparenz
  •  Gemeinsame Werte des Teams

Die Entstehung der Sparkassen

Das Konzept der Sparkasse entwickelte sich in einer engen Beziehung zu den Ideen der Aufklärung und zu den neuen Rollen, die Staat und Gesellschaft einnehmen sollten. Es galt, ein sozialdemographisches Problem zu lösen: Der Großteil der Bevölkerung lebte sehr arm und konnte den Risiken der neuen Zeit nicht begegnen. Als Antwort auf diese Situation forderte der Visionär und Ökonom Johann Heinrich Justi im 18 Jh. für jede große Stadt in Deutschland eine Sparkasse. Die erste wurde schließlich 1756 in der Freien Reichsstadt Hamburg eröffnet. 1838 wurde das Preußische Sparkassenreglement gegründet, welches die Einlagen der Sparer sicherte und die Risiken zur kommunalen Unterhaltung einer Sparkasse abdeckte. Anders als der Genossenschaftssektor zielten die Sparkassen erst in zweiter Linie auf eigene ökonomische Vorteile. Im Vordergrund stand vielmehr der Wohlstand der gesamten Gesellschaft. Aus diesem Grund entwickelten sie Lösungen häufig Hand in Hand mit dem Staat. Zu Beginn war diese Beziehung äußerst fruchtbringend und förderte die schnelle Expansion der Sparkassen in jener Zeit.

Der Erfolg der Genossenschaftsbanken

Das 3-Säulen-Modell, das im 19. Jh. in Deutschland institutionalisiert wurde, unterscheidet das deutsche Bankensystem von jedem anderen auf der Welt. Die genossenschaftlichen Banken agierten von Beginn an unternehmerisch. Ziel war es, als eine Selbsthilfeeinrichtung den kleineren und mittleren Unternehmen zu helfen, größere Mengen zu produzieren und diese auch erfolgreich zu vermarkten. Zu damaliger Zeit war dies ein Vorteil, den nur große Unternehmen genießen konnten. Bei der Entstehung dieser Institute bestanden zwei Geschäftsmodelle: das städtisch-gewerbliche und das ländliche. Alle Genossenschaftsbanken besaßen zwei große organisatorische Alleinstellungsmerkmale:

  • Eigentümer waren die Mitglieder, und nur diesen wurden Kredite gewährt, obwohl die Bank von jedermann Einlagen sammelte.
  • Die Geschäftsführer wurden von der Gesamtheit der Mitglieder gewählt.

Anfangs mussten viele gesetzliche Herausforderungen gemeistert werden, doch durch wichtige gesetzgeberische Maßnahmen am Ende des 19. Jh. war der Weg für den Erfolg der Genossenschaftsbanken geebnet. Sie konnten nun als unabhängige Einrichtungen agieren und gleichzeitig denselben gesetzlichen Schutz genießen, der anderen Unternehmen zuteil wurde. Die Einführung der beschränkten Haftung für Genossenschaftsbanken trug zudem dazu bei, dass auch wohlhabendere Menschen zu Mitgliedern wurden. 

Die Entstehung der Commerz- und Disconto-Bank

Die Commerzbank war bei ihrer Gründung im Jahr 1870 die erste deutsche Universalbank. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. gewannen Aktienkreditbanken an Bedeutung. Grund dafür waren größere Projekte im In- und Ausland, die finanziert werden sollten, wie zum Beispiel die Berlin-Hamburger Eisenbahn oder der Bau der türkischen Eisenbahn. Dabei konzentrierte sich die Commerzbank vor allem auf Projekte im Inland, während sich die Deutsche Bank vorwiegend mit Projekten im Ausland befasste, die meist auch politisch bedeutend waren. 

Die Reichsbank wird 1876 gegründet

Bis zur Mitte des 19. Jh. waren in Deutschland vorwiegend Metallmünzen im Umlauf. Die deutschen Kleinstaaten hatten je eigene Münzen und Standards, was den regionalen und vor allem den überregionalen Handel erschwerte. Zudem kam es vor, dass Landesherren aus einer bestimmten Menge Silber mehr Münzen prägen ließen, als es üblich war, um Kriege finanzieren zu können. Als Vorreiter der Industrialisierung benötigten Preußen und Sachsen als erste eine moderne Währungsverfassung, die einerseits flexibel war, andererseits aber zur Stabilität der Währung und des kontinuierlich steigenden Zahlungsmittelbedarfs beitrug. Aus diesem Bedarf heraus wurde 1876 die Reichsbank als Zentralnotenbank der neuen Mark-Währung gegründet. Viele Experten und Bankhistoriker sind der Meinung, dass dieser historisch bedeutende Schritt in der deutschen Bankgeschichte nur einige Jahre nach der Reichsgründung möglich war. Denn die Reichsbank war weitestgehend eine Fortführung der Zentralnotenbank Preußens, deren Dominanz die übrigen deutschen Staaten fürchteten.

Die dreistufige Verbundsorganisation der Sparkassen entsteht

Am Anfang des 20. Jh. bildete sich aus den damaligen regionalen Sparkassenorganisationen eine dreistufige Verbundsorganisation. Das Reichsscheckgesetz von 1908 war der Ausgangspunkt für die Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs bei den deutschen Sparkassen. Die kommunalen Gewährträger unterstützten die Sparkassen bei der Einrichtung gemeinsamer Kreditinstitute. Grund dafür war der Glaube, auf diesem Wege größere Kommunalanleihen finanzieren zu können und die Grenzen der regionalen Geld- und Kapitalmärkte zu überwinden. Jedoch gab es zahlreiche Störungsversuche seitens der Geschäftsbanken, für die Sparkassen mehr und mehr zur großen Konkurrenz wurden. Trotz dieser Hindernisse etablierten sich die Girokassen der Sparkassen und trugen entscheidend zur Durchsetzung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs in Deutschland bei. Im Jahr 1924 schlossen sich der Deutsche Sparkassenverband, der Deutsche Zentralgiroverband und der Deutsche Verband der kommunalen Banken zum DSGV zusammen. Dieser Schritt markiert den Beginn des dreistufigen Finanzdienstleistungsverbundes, der aus Kommunen, Kreisen und Ländern besteht. Der DSGV spielte eine äußerst wichtige Rolle in der Etablierung des Geschäftsmodells der Sparkassen in Deutschland. Er förderte sowohl das Privatkundengeschäft als auch später das kleinteilige Spareinlagengeschäft, welches zunächst keinesfalls konform mit dem Geschäft der Sparkassen gewesen wäre. Dies waren bereits die ersten Anzeichen, dass sich Sparkassen in der Zukunft zu Universalbanken entwickeln würden.

Die Bankenkrise von 1931 und staatliche Regulierung

1931 mussten viele deutsche Banken schließen. Die deutsche Bankenkrise, die ihre Wurzeln in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und der darauffolgenden Inflation hatte, war ausgebrochen. Die Rahmenbedingungen der damaligen Wirtschaft sind nur teilweise ursächlich für die Situation der Banken dieser Zeit. Denn durch inadäquate Handlungen und Fehlentscheidungen trugen sie selbst zu ihrer Lage bei. Als Antwort auf die Krise führte der Staat Regulatorik ein. Zu dieser Zeit wurden nicht nur wichtige Gesetze des Aktienrechts, sondern auch das Kreditwesengesetz (KWG) erlassen. Das 1934 beschlossene KWG wirkte vorbeugend gegen weitere Krisen und trug effektiv zur Stabilisierung des deutschen Bankensektors bei. Erstmalig wurden auch Sparkassen in das Gesetz mit eingeschlossen.

Großbanken werden nach dem Zweiten Weltkrieg dezentralisiert

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchten die westlichen Mächte (vor allem die USA), die deutschen Großbanken zu dezentralisieren und das Universalbanksystem in ein Trennbanksystem zu ändern. So sollten weitere Bankkrisen verhindert — im angelsächsischen Raum war die große Bankkrise aus den 1930ern der Auslöser für die Einführung des Trennbanksystems — und die Finanzierung nationalistischer Ideen und Bewegungen erschwert werden. Zunächst gelang das Vorhaben, und die Großbanken zersplitterten sich. Allerdings wurden alte Führungseliten bewusst beibehalten und die neu entstandenen Filialbezirke waren nur auf dem Papier unabhängig voneinander. Schließlich zentralisierten sich die Großbanken in den 1960ern erneut, als das klassische Industriefinanzierungsgeschäft wegen des Strukturwandels an Bedeutung verlor. Mit dem darauf folgenden Massenwohlstand in Westdeutschland entwickelten sich sämtliche Bankgruppen Schritt für Schritt zu Universalbanken. 

Der Massenwohlstand verändert den Markt für immer

Es war der deutsche Unternehmergeist, der das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte. Die Bankenwelt musste sich in dieser Zeit umorientieren und neue Denkweisen etablieren, um sich im neuen Geschäftsumfeld zu behaupten. Vor dem Wirtschaftswunder war der deutsche Bankenmarkt recht klar aufgeteilt:

  • Großbanken waren für die Industrie und für den vermögenden Privatmann zuständig.
  • Die Sparkassen zählten „den kleinen Mann“, der regelmäßig spart, zu ihren Hauptkunden.
  • Die Genossenschaftsbanken konzentrierten sich vorrangig auf ihre Mitglieder. 

Durch den Massenwohlstand und den Umstand, dass nach 1957 alle Gehälter zusammen auf ein Konto ausgezahlt werden mussten, änderte sich die Situation grundlegend. Die Großbanken begannen, trotz ihrer Angst vor Imageverlust, Massenkredite zu vergeben und so das sinkende Industriefinanzierungsgeschäft zu kompensieren (Unternehmer wurden vermehrt durch Eigenkapital finanziert). Die Sparkassen waren nicht mehr konkurrenzfähig und stiegen deshalb ins Kreditgeschäft ein, obwohl sie zunächst befürchteten, das Vertrauen ihrer Kunden zu verletzen. Die Genossenschaften hingegen begannen, sich neuen Kundengruppen zu öffnen, um weiterhin geschäftstüchtig zu bleiben. Für die Banken war dieser Einstieg ins Privatkundengeschäft mehr als eine bloße Erweiterung des Angebots. Diese Veränderung verlangte neue Vertriebskanäle, neues Marketing und vor allem eine Umschulung der Mitarbeiter. Waren die Bankangestellten bis dahin nur „Schalterbeamte“, mussten sie nun zu professionellen Kundenberatern werden. Darüber hinaus benötigten die Filialen neue Designs. Die damaligen Unternehmer der deutschen Bankenwelt meisterten diese Herausforderungen erfolgreich und führten ihre Institute in die „goldenen Zeit“ der Banken. Die Bankenvorstände begriffen schnell, dass neue, standardisierte Kreditprodukte nur kurzfristig als Alleinstellungsmerkmal dienten, da sie schnell von der Konkurrenz kopiert wurden. Deswegen begannen sie, verstärkt in neue Technologien und die Ausbildung ihrer Berater zu investieren, um einen langfristigen strategischen Vorteil zu erlangen. 

Das Kreditwesen kommt in die Marktwirtschaft

Für heutige Unternehmer sind die marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine Selbstverständlichkeit: freie Standortwahl, unabhängige Preis- und Produktpolitik, selbstgesteuerte Vertriebskanäle und eigenständige Kommunikationsmaßnahmen. Doch für die deutsche Bankenwelt war der Einstieg in die Marktwirtschaft langwierig. Grund dafür ist die volkswirtschaftliche Sonderrolle, die dieses Marktsegment besitzt. Als in den 1960er und 1970er Jahren die Zinsverordnung und das Wettbewerbsabkommens aufgehoben sowie die Bedürfnisprüfung bei Einrichtung von Zweigstellen abgeschafft wurde, eröffneten sich unzählige Möglichkeiten — besonders für die Differenzierung im Markt. Dieser Umstand führte automatisch zu einem vorher nie da gewesenen Wettbewerbsdruck in der Branche. Da Produktinnovationen für Banken durch Rahmenbedingungen eingeschränkt sind, begannen Kreditinstitute, ihr Filialnetz auszubauen und so durch örtliche Nähe strategisch zu wachsen. Davon abgesehen entwickelten sich IT- und Organisationsabteilungen langsam zu den wichtigsten Abteilungen der Banken, weil effiziente Bankkalkulation zu einem bedeutenden Steuerungsinstrument wurde. Zudem wurde Marketing zu einem weiteren strategischem Wachstumstreiber. Mit der Durchsetzung des Internets in den 90ern wurde der Markt intensiver und schwieriger. Banken hatten nun aufgrund der Automatisierung vieler Tätigkeiten sowie des Wandels des Kundenverhaltens große Probleme, ihre Vertriebskapazitäten auszulasten. Die Branche hatte sich vom Verkäufer- zum Käufermarkt gewandelt, und die Unternehmer an der Spitze mussten schnell reagieren. 

Die Genossen holen nach

Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Volks- und Raiffeisenbanken relativ erfolgreich — die einen im ländlichen, die anderen im gewerblichen Bereich. Nach dem Krieg änderte sich neben der gesamtwirtschaftlichen Situation die Gesetzgebung, die nun einen stärkeren Wettbewerb in der Bankenbranche förderte. Um in diesen neuen Rahmenbedingungen weiterhin bestehen zu können, schloss sich die genossenschaftliche Bankengruppe auch auf Verbandsebene zusammen. Aus diesem Grund begannen 1967 die Verhandlungen zwischen dem DRV (Deutscher Raiffeisenverband) und dem DGV (Deutscher Genossenschaftsverband). Schon 1972 nahm der neue BVR (Bundesverband der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken) seine Arbeit als Spitzenverband der Gruppe auf. Das Geschäftsmodell war einfach und unternehmerisch innovativ: Die Institute blieben nach wie vor dezentral, doch der Verband übernahm die Werbe- und die Kommunikationsstrategie für die ganze Gruppe sowie auch später die strategische Ausrichtung. Durch diesen Zusammenschluss konnten sich Volks- und Raiffeisenbanken erfolgreich am Markt behaupten und sogar Marktanteile von anderen Bankengruppen dazugewinnen. Zudem hilft ihnen das entstandene „Wir-Gefühl“ bis heute, zum Beispiel bei notwendigen Fusionen in der jeweiligen Region, Positionen zu erhalten und sogar zu stärken. Darüber hinaus wird die Gruppe auch von der Aufsicht und den Rating-Agenturen als ökonomische Einheit wahrgenommen und genießt somit viele regulatorische Vorteile. Alles in allem ist die Anzahl der genossenschaftlichen Banken seit dem Zweiten Weltkrieg zwar gesunken, dafür haben die verbleibenden jedoch ihre Qualität erhöht und können steigende Mitgliederzahlen verzeichnen sowie ihre Bilanzsummen regelmäßig erhöhen. Somit sind sie zu einem Beispiel für ein erfolgreiches Geschäftsmodell und unternehmerisches Handeln geworden. 

Das Auslaufen der Gewährträgerhaftung für Sparkassen und Landesbanken

Die Gewährträgerhaftung verpflichtet die öffentliche Hand, im Fall einer Insolvenz für die Verbindlichkeiten eines Instituts zu haften. Dies führt jedoch zu Wettbewerbsverzerrungen, weil das jeweilige Institut Vorteile bei den Einlagensicherungs- und Refinanzierungskosten gegenüber anderen Kreditinstituten genießt. Das Thema der Gewährträgerhaftung bei deutschen Sparkassen und Landesbanken wurde schon immer öffentlich diskutiert, allerdings vermehrt seit den 60er Jahren, als die deutschen Banken Teil der Marktwirtschaft wurden. Durch politische Vernetzung und den allgemein guten Stand des deutschen Bankensystems konnte die Bankengruppe lange Zeit eine Abschaffung der Gewährträgerhaftung verhindern. Dies änderte sich mit der stärkeren Rolle der EU. Ende der 90er Jahre wollte diese die „nicht mehr erforderlichen“ Vorteile der Sparkassen abschaffen und so eine transparente Konkurrenz unter den Banken auf EU-Ebene herstellen. Die wichtigste Begründung dafür war, dass die Sparkassen keinen öffentlichen Auftrag mehr erfüllen würden und somit keine Vorteile gegenüber anderen Bankengruppen gerechtfertigt werden könnten. Jedoch waren bereits sämtliche Bankengruppen in Deutschland zu Universalbanken geworden. Die Sparkassen und Landesbanken erhielten einen recht großzügigen Zeitraum (bis 2005) von der EU, um ihre Geschäftsmodelle an die neuen Rahmenbedingungen anzupassen. Besonders die Landesbanken wurden durch die engen Rahmenbedingungen so eingeschränkt, dass ihnen dieses Vorhaben nicht glückte und zusätzlich ihre Existenzberechtigung in Frage gestellt wurde. Denn durch das Wegfallen der Gewährträgerhaftung war es ihnen nicht mehr möglich, ihre Rolle als Verband der Sparkassen wahrzunehmen. Zumindest formell ist heute der Wettbewerb unter den deutschen Kreditinstituten wieder hergestellt. Nun kommt es auf unternehmerische Fähigkeiten an, um strategische Vorteile zu erlangen.

 

Die Geschichte der Banken wird nicht linear fortgeschrieben

Deswegen ist es nicht ratsam, blind auf alte Rezepte zur Problembewältigung zu setzen. Die heutige Welt ist komplexer als je zuvor und verlangt von den Bankvorständen mehrdimensionale Strategien, die kontinuierlich auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Wie die Geschichte zeigt, war es schon immer der unternehmerische Geist, der die Entstehung und das Überleben der Banken ermöglichte. Gerade in schwierigen Zeiten wuchsen sie am stärksten — weil sie von Unternehmern geführt wurden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Phase, in der die ersten Banken gegründet wurden. Die damalige Bevölkerung war nicht vermögend. Trotz dieser Einschränkung waren die Institute jedoch profitabel und konnten ihren Kunden Zinsen bieten. Während des deutschen Wirtschaftswunders wuchsen alle Bankengruppen, obwohl sich ihre Rahmenbedingungen sehr schnell geändert hatten. Dies war möglich, weil sie unter anderem in Personal und Ausbildung und somit in ihre Zukunft investierten. Die derzeit gängige Meinung ist, dass sich Banken in einer außergewöhnlichen Situation befänden, in der es keinen Entscheidungsspielraum gebe. Argumentiert wird meist folgendermaßen: 

  • Wegen der Niedrigzinsphase kann man heute kaum Geld verdienen.
  • Die Regulatorik ist zu streng und bietet keinen Handlungsspielraum.
  • Kunden benutzen Social Media und Internetportale und sind besser informiert über Preise und Bedingungen von Konkurrenten.
  • Mitarbeiter sind anspruchsvoller und schwieriger zu managen.
  • Die BigTechs und die FinTechs nehmen den Kreditinstituten das Geschäft weg. 
Ein Unternehmer ist jemand, der Nachteile in Vorteile verwandelt.

So lassen sich zum Beispiel die Niedrigzinsphase und die Regulatorik als hohe Eintrittsbarrieren für Konkurrenten von außen sehen.

Was würde passieren, wenn der Zugang für Amazon, Google und Apple leichter wäre?

Die Social-Media-Affinität der Kunden kann für Vertrieb und Kommunikation genutzt werden, um Kosten zu sparen. Durch neue Organisationsformen und sinnvoller gestaltete Tätigkeiten arbeiten Mitarbeiter effizienter. Zudem können sie mit einer angenehmen Unternehmenskultur nachhaltig intrinsisch motiviert werden. Und zuletzt: Was haben Fin- und BigTechs Banken voraus? Vollautomatisierte Prozesse und die damit einhergehende Effizienz. Das heißt also, wenn Banken und Sparkassen schnell in diesem Bereich nachholen, können sie sich mit ihrer breiten Kundenbasis und den dazugehörigen Daten problemlos mit ihnen messen. 

 

Lesen Sie hier den vollständigen Transparenzbericht Banken:

Transparenzbericht Banken

 

Über den Autor:

Alexander Pavlov ist Gründer einer bulgarischen Design-Thinking-Akademie, Vordenker für innovative Branchen und bei Procedera seit zweieinhalb Jahren damit betraut, die operative Umsetzung des Transparenzberichts und der Bankenanalyse zu steuern. Gemeinsam mit Claudia Junker hat er unzählige Bücher und Studien gelesen, um daraus Erkenntnisse für den Bericht und die Bankenanalyse abzuleiten. Er pflegt hervorragende Verbindungen zu extrem innovativen Unternehmen der neuen Welt und deren Gründer.

*Grundlage des Artikels: „Schlüsselereignisse der deutschen Bankgeschichte“, Franz Steiner Verlag 2013, herausgegeben im Auftrag des wissenschaftlichen Beirats des Instituts für bankhistorische Forschung e.V. von Dieter Lindenlaub, Carsten Burhop und Joachim Scholtyseck.

 

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